Wie funktionieren politische Entscheidungsprozesse in einem Verbund aus 27 Einzelstaaten mit nicht selten unterschiedlichen Interessen? Wie können mehrheitsfähige Kompromisse gefunden werden, ohne andere Mitglieder völlig zu verärgern? Wie gelingt es, im Lichte der europäischen Verträge sinnvolle Regelungen für generelle oder auch speziellere Anliegen zu finden? Antworten auf diese und viele weitere Fragen konnte kürzlich eine Delegation von engagierten Studierenden der Hochschule Schmalkalden erhalten. Sie nahmen vom 6. bis 8. Januar 2026 mit großem Erfolg am renommierten Global Model EU 2026 an der Brussels School of Governance (BSoG) in Brüssel teil und haben damit eine langjährige Tradition fortgesetzt. Für die Gruppe bot sich nicht nur eine tolle Möglichkeit, Verhandlungsgeschick in einer Fremdsprache im interkulturellen Kontext zu trainieren und neue Kontakte zu knüpfen. Natürlich ließ sich auch noch das erlernte Wissen – und das längst nicht nur bezogen auf das Europarecht – praktisch anwenden. Allgemeiner bekam man trotz aller Komplexität auch einen guten Eindruck davon, wie wertvoll die faire Diskussion in einem auf gemeinsamen Werten basierenden Staatenbund in turbulenten weltpolitischen Zeiten wirklich ist.
Beim Global Model EU handelt es sich um ein etabliertes Simulationsprojekt, das von einigen amerikanischen Universitäten jährlich organisiert wird. Studierende, hauptsächlich aus Europa und Amerika, versuchen sich hier darin, einen EU-Gipfel mit intensiven Verhandlungen und Beschlüssen zu Fragen der Tagespolitik nachzubilden. Je nachdem, welches EU-Land für das entsprechende Team ausgewählt wurde, arbeiten sich die jeweiligen Teammitglieder in die Rolle eines Amtsträgers dieses Staats ein und simulieren sodann dessen Agieren im Europäischen Rat (Regierungschefs) bzw. in einer Formation des Rats der Europäischen Union (Minister). Einige übernehmen auch koordinierende Funktionen oder beteiligen sich im Pressekorps. Das Niveau und die Intensität der Debatten stehen den realen EU-Sitzungen dabei kaum in etwas nach. Im Gegenteil zeigten die sorgfältig vorbereiteten Delegationen erneut vollen Einsatz, um konsensfähige Lösungen für äußerst komplexe Herausforderungen zu entwickeln. Zusätzliche Motivation bot das abwechslungsreiche Rahmenprogramm, das die Veranstaltung durch inspirierende Gespräche und eine Grußbotschaft einer ehemaligen Teilnehmerin mit inzwischen erfolgreicher EU-Karriere bereicherte. Selbstverständlich blieb auch genug Zeit, einigen der zahlreichen Sehenswürdigkeiten Brüssels einen Besuch abzustatten.
Schmalkalder Studierende geben rechtlichen Input
Unter den Delegationen der verschiedenen Hochschulen – unter anderem aus Belgien, Frankreich, Deutschland und zahlenmäßig allen voran aus den USA – weist das Team der Hochschule Schmalkalden stets eine Besonderheit in der fachlichen Ausrichtung auf. Nehmen am Modell gewöhnlich Studierende aus dem politikwissenschaftlichen Bereich teil, ist die Veranstaltung in Schmalkalden an der Fakultät Wirtschaftsrecht angesiedelt. Die Teilnehmenden mit daher überwiegend juristischem Fokus erinnern so gerne daran, dass alle Beschlüsse auch die rechtlichen Rahmenbedingungen beachten müssen. Gerade dieser rechtliche Input wird von den anderen Delegationen sehr geschätzt.
Auch in diesem Jahr interessierten sich mit elf Teilnehmenden erneut besonders viele Studierende für das Projekt. Professor Sven Müller-Grune und Paul Kluth, wiss. Mitarbeiter der Fakultät Wirtschaftsrecht, konnten Lernende mit ganz unterschiedlichem Fortschritt im Studium schon im Vorfeld auf die Veranstaltung vorbereiten und schließlich nach Brüssel begleiten. Der Gruppe wurde dieses Mal die besonders verantwortungsvolle Aufgabe zuteil, mit Lettland nicht nur einen EU-Staat zu repräsentieren, sondern auch die Vertreter der Europäischen Kommission in den Formationen zu stellen und so auf einen immer enger werdenden Zusammenschluss Europas hinzuwirken. Sehr überzeugend konnten die Studierenden so ihre jeweilige Rolle in der Runde der Regierungschefs, der Außenminister, der Umweltminister oder der Verteidigungsminister ausfüllen. Weitere der Delegationsmitglieder übernahmen Aufgaben im Sekretariat oder im Pressekorps. Gerade auch Vertreter bestimmter Medien mit ihrer jeweiligen Ausrichtung zu mimen, gelang den Studierenden so gut, dass auf ihre kritischen Nachfragen teils mit einigen Ausweichmanövern geantwortet wurde. Inhaltlich standen diejenigen Themen auf der Agenda, die auch in der turbulenten Realität für ständig neue Schlagzeilen sorgen: Außenpolitisch ging es so insbesondere um das europäische Verhältnis zur USA und zu Russland. Der aktuellen Nachrichtenlage wegen stand auch Venezuela sehr im Fokus der Diskussionen. Handels- und Zollfragen verlangten je nach Ratsformation nicht weniger Beachtung als Umweltschutz- und Nachhaltigkeitsaspekte.
Großem Dank gilt der „Gesellschaft der Freunde und Förderer der Hochschule Schmalkalden e.V.“, die das Vorhaben sehr unterstützt hat. Weitere Förderung konnte über das PROMOS-Programm sowie aus Mitteln der Fakultät Wirtschaftsrecht geleistet werden. Die Delegation blickt so auf eine unvergleichliche Erfahrung zurück und freut sich bereits auf die nächste Runde Anfang 2027.